Juni-Dezember 2011
Sieben Monate im Schnelldurchlauf.
Wo waren wir stehengeblieben?

Same procedure as every year: Silvesterwetter
Richtig – ich hatte gerade gekündigt, wir sahen Affen, und ich war dabei eine neue Stelle anzutreten. Und so weiter und so fort, Ende von 2011. Es ist alles ein bisschen verschwommen. Anfang November begingen wir bereits den siebten Jahrestag unserer Ankunft in Neuseeland. 7 Jahre! Was für ein Abenteuer. Und das vergangene Jahr war mit Sicherheit eines der spannendsten.
Ich schreibe diese Worte zwischen den Jahren, im Urlaub, während ich versuche meine metaphorischen und nicht so metaphorischen Batterien aufzuladen und mich auf das neue Jahr vorzubereiten. Wir fahren dieses Jahr über Neujahr nicht weg sondern bleiben hier in der ziemlich verwaisten Stadt und geniessen die zeitweilig aufgehobene Zeit. So sah Wellington am 27. Dezember aus:
Retake the Net
Worauf ich im vergangenen Jahr am meisten stolz bin (wenn ich das mal so sagen darf) ist dass ich eine Initiative namens Retake the Net ins Leben gerufen habe.

Brian spricht zur Menge beim Barcamp
Dieses Jahr haben wir deutlich gesehen wie das Internet Menschen zusammenbringen und helfen kann, wirkliche Veränderungen anzustiften und zu fördern. Der Arabische Frühling ist hier nur das bekannteste Beispiel; die Occupy -Bewegung (zu der ich gemischte Gefühle habe – aber das ist ein anderes Thema) ist wohl ein weiteres. Gleichzeitig mehren sich aber auch die Bedrohungen für das freie und offene Netz durch Regierungen und Konzerne. Der SOPA-Gesetzentwurf der zur Zeit im US-Repräsentantenhaus diskutiert wird ist da nur das jüngste und wohl eklatanteste Beispiel aus einem demokratischen Land.
Weil wir von den Möglichkeiten die uns die Technologie eröffnet begeistert sind, und weil wir glauben das wir alle dafür verantwortlich sind dass diese Möglichkeiten zum Guten genützt werden soll, gründeten Brian und ich zusammen mit ein paar anderen Retake the Net. Damit wollten wir Gleichgesinnte zusammenbringen und Projekte ins Leben rufen die helfen, dass das Internet frei und offen bleibt. Von Juni an hielten wir mehrere öffentliche Treffen wo Leute die Projekte diskutieren konnten. Eines dieser Projekte hat zum Ziel, Internetzugang in einer Suppenküche für Arme und Obdachlose hier in Wellington einzurichten, damit auch diese Menschen Zugang zu Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten bekommen. Das wird demnächst verwirklicht und das freut mich sehr.

Bei einer Internetkonferenz in Auckland
Zusätzlich zu den einzelnen Projekten organisierten wir Ende Oktober auch noch ein Barcamp - eine kostenlose, selbst-organisierte eintägige Konferenz zum Thema Internetfreiheit. Wir hatten 70 Teilnehmer die leidenschaftliche Diskussionen führten und Ideen austauschten. Die Bürgermeisterin von Wellington kam sogar und hielt eine Einführungsrede, und am Morgen der Veranstaltung war Brian im National Radio und gab ein langes Interview. Es war ein fantastischer Tag und eine grossartige Erfahrung, Menschen zusammenzubringen und etwas zu bewirken, und ich freue mich darauf, die Initiative im neuen Jahr fortzuführen.
Die andere Hälfte meines Lebens
… in den vergangenen sieben Monaten war wenig überraschend von der neuen Arbeitsstelle beherrscht. Wie immer wenn man etwas neues beginnt gibt es anfangs viel zu lernen und man muss seinen Platz finden. Abgesehen von den normalen Herausforderungen die jeder Job mit sich bringt, hier ist eine kurze Liste von Dingen die mir gefallen:
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Unser Drucker im Büro lässt uns wissen ob es schon "Beer o'clock" ist
Ich arbeite mit äusserst netten Kollegen zusammen
- Anstatt viele verschiedene Aufgaben zu jonglieren kann ich mich auf ein einziges Projekt konzentrieren
- Der Kunde für diese Projekt ist in Hong Kong, so dass ich regelmässig in eine meiner Lieblingsstädte reisen darf
- Die Firma ist engagiert sich stark für Open Source und Internetfreiheit
- Ich habe ein Stehpult und liebe es – anstatt vom vielen Sitzen am Computer zu ermüden fühle ich mich am Ende des Tages voller Energie

Hier habe ich 2011 viel Zeit verbracht: Hong Kong Airport
Ein Vorteil der regelmässigen Geschäftsreisen nach Hong Kong ist dass man buchstäblich schon halb in Deutschland ist: Auckland -> Hong Kong sind 9,168 km; Hong Kong -> Frankfurt 9,151 km. Nachdem ich ja letztes Jahr einen ganzen Monat in Deutschland verbracht hatte war für dieses Jahr eigentlich gar kein Besuch geplant; aus familiären Gründen änderte sich das aber dann.
So passte es richtig gut, dass ich nach den Besuchen in Hong Kong einfach schnell rüber fliegen konnte, und es war wie immer schön Zeit mit der Familie zu verbringen.
Der zweite Besuch fand Ende November statt – seit 1999 war ich nicht mehr im Winter in Deutschland gewesen. Auch wenn sich meine Körpertemperatur in Neuseeland meistens gefühlt im Permafrostbereich befindet, so hatte ich doch vergessen wir kalt sich “richtiger” Winter anfühlt! Andererseits konnte ich so endlich wieder einmal Weihnachtsmärkte besuchen und Glühwein trinken; etwas das ich ja auch schon seit 12 Jahren nicht mehr erlebt hatte.
Mittlerweile, in Neuseeland

Lichtspektakel in Hong Kong
Es fand eine Rugbyweltmeisterschaft statt. Wir siegten. Wahrscheinlich gäbe noch viel mehr zu berichten von diesem mit Spannung erwarteten Grossereignis das so viel für unser kleines Land bedeutete und 85.000 Besucher brachte. Andererseits tangierte uns das Turnier höchstens periphär (wie wir in den 80er Jahren zu sagen pflegten), und das obwohl wir im Zentrum einer der Gast-Städte wohnten.
Die vielen Rugbyfans unter uns hatten jedoch wohl ihren Spass, und das freut mich und macht mich dankbar, denn abgesehen von der Weltmeisterschaft war 2011 ein ziemlich schlimmes Jahr für Neuseeland.

Beim Pferderennen im Happy Valley
Wenig überraschend beherrschte die Situation in Christchurch nach dem Erdbeben auch weiterhin die Nachrichten. Es bricht einem das Herz dass die Stadt einfach nicht zur Ruhe kommt. Gerade hatten die Aufräumarbeiten nach dem grossen Beben im Februar endlich angefangen, positive Wirkung zu zeigen als am Nachmittag des 13. Juni zwei neue Beben der Stärke 6,4 und 5,9 die Stadt erschütterten. Eines davon stellte sich sogar als noch stärker als die Katastrophe vom Februar heraus, und man konnte es bis hier in Wellington deutlich spüren. Man kann sich kaum vorstellen wie frustrierend es sein muss wenn man gerade sein Grundstück von Flüssigschlamm gereinigt hat und zumindest angefangen hat, Schäden zu reparieren, nur um wieder von vorn anfangen zu müssen. Zudem bedeutet Juni auf der Südhalbkugel ja Winteranfang. Wieder einmal waren die Schäden enorm (man schätzt das die Juni-Beben allein NZ$6 Milliarden zusätzlich kosten werden); wieder einmal fielen Strom und Telefonnetzwerke aus – der ganze schreckliche Teufelskreis wieder von vorne.

Anscheinend hat Neuseeland ein Problem mit Leuten die betrunken kochen und dabei ihr Haus abbrennen. Diese offizielle Kampagne ist überall!
Seit dem ersten grossen Beben im September 2010 und heute (Ende Dezember 2011) mass man fast 9.500 Erdbeben in der Canterbury-Region. Allein letzte Woche, am 23. Dezember, gab es innerhalb einer guten Stunde drei besonders brutale Erschütterungen der Stärke 5,8, 5,3 und 6,0. Sie unterbrachen Weihnachtseinkäufer, brachten wieder einmal Schlammfluten, führten dazu dass Shopping Malls und der Flughafen geschlossen wurden, und erinnerten uns alle daran dass dies noch lange so weitergehen könnte – und wahrscheinlich auch wird. Schrecklich.
Von Rugby und Erdbeben abgesehen wurden auch die Themen in Neuseeland von internationalen Ereignissen dominiert – sei es die anhaltende globale Finanzkrise, die weltweiten Proteste (Occupy Dunedin – echt? Ok, immer noch ein anderes Thema), oder die übliche deprimierende Mischung aus Konsumgeilheit und Promiklatsch.
Klang das gerade zynisch? Ich verweise hiermit auf Google Zeitgeist. Mein Bestreben dieses Jahr war es, solche Themen so weit wie möglich zu ignorieren (was ich glaube ich auch ganz gut geschafft habe denn im oben genannten Google Zeitgeist erkenne ich nur wenige der “trending people”). Das Leben ist zu kurz für solche Zeitverschwendungen und ich kümmere mich lieber um sinnvolle Sachen. Ich habe sogar Twitter aufgegeben – eine Befreiung!
Ein bisschen was gibts aber noch: Es folgen ein paar Geschichten die uns hier drunten dieses Jahr bewegt haben.
Es schneielet

Schnee in Wellington am 14. August (vom Flugzeug nach Auckland aus gesehen)
Extremes Wetter ist hier in Neuseeland ja nicht die Ausnahme sondern die Regel. Doch gerade als wir dachten wir hätten nun alles gesehen, wurde es noch ein bisschen extremer dank eines ”once in a lifetime polar blast” der Mitte August plötzlich wirklichen Winter ausbrechen liess.
Ich könnte jetzt über die Stromausfälle schreiben; dass öffentliche Verkehrsmittel ausfielen und Strassen gesperrt wurden. Ich könnte daran erinnern wie die extreme Kälte den Menschen in Christchurch in ihren eiskalten und beschädigten Häusern noch mehr Leid verursachte. Ich könnte mal wieder davon anfangen wie sehr ich Winter und Kälte hasse (habe ich das schon erwähnt?), aber das wäre nicht ganz aufrichtig denn ich verlies Wellington mit einem der letzten Flüge bevor der Flughafen geschlossen wurde und verbrachte die zweite Augusthälfte in der Sommerhitze von Deutschland und Kong Kong. Ich könnte auch wieder einmal Statistiken zitieren, zum Beispiel dass die Schneestürme die heftigsten seit 50 Jahren waren. Und so weiter.
Stattdessen möchte ich lieber etwas Schönes zeigen: Die Freude der Wellingtonier am unerwarteten Schnee mitten in der Cuba Mall. Viel Spass damit!
Pingu bei den Kiwis

Ich trage Shorts! Onlineumfrage am Schneetag
Es gab noch jemanden der die antarktischen Temperaturen genoss: Happy Feet, der verirrte Pinguin. Bekannterweise gibt es ja einheimische Pinguine hier in Neuseeland, aber dieser hier war ein Kaiserpinguin wie er nur am Südpol vorkommt. Wie es dazu kam dass er eines Tages an einem Strand an der Kapiti Coast nördlich von Wellington auftauchte weiss man nicht so genau. Das arme Tier war in schlechtem Zustand: dehydriert, geschwächt von der Hitze (man sieht mal wieder: alles ist relativ!) und den Magen voller Sand den er mangels anderer Nahrung geschluckt hatte. Als es schlimmer wurde brachte man in in den Zoo nach Wellington wo er operiert wurde um verschluckt Stöckchen aus seinem Magen zu entfernen und den Sand aus Magen und Rachen zu spülen.
Zu diesem Zeitpunkt war es war nicht klar ob das Tier dies überleben würde, aber Happy Feet machte seinem Namen alle Ehre und kam wieder zu Kräften. Noch weniger klar war was man mit ihm machen sollte. An den Südpol konnte man ihn nicht zurückbringen (niemand geht im Winter dorthin) und es gab keinen Zoo im Land der ihn hätte aufnehmen können. Schliesslich nahm in NIWA, ein wissenschaftliches Forschungsinstitut, an Bord eines seiner Schiffe um ihn im subantarktischen Ozean vier Tagesreisen südlich von Neuseeland auszusetzen. Die Reise verbrachte der Pinguin in einer speziell angefertigten Kiste damit er es “bequem und angenehm kalt” hatte. Als ich das las fragte ich mich ob man ihn nicht einfach in einer typischen Kiwi-Studenten WG hätte überwintern lassen können. Da wäre es bestimmt kalt genug gewesen.

Angenehm kalt: Spezialpingukiste
Schicke Reise hin oder her, jetzt wird die Geschichte leider weniger happy. Zwei Monate nachdem er in Neuseeland gefunden wurde, am 4. September, wurde Happy Feet wieder auf freien Fuss gesetzt, indem er auf einer ebenfalls speziell angefertigten Wasserrutsche ins Meer glitt. Vorher wurde er noch mit einem GPS-Sender ausgerüstet. Eine Webseite wurde eigens eingerichtet um seine “Reise mit der Welt zu teilen”; es gab einen Wettbewerb für Schulkinder, und man konnte tatsächlich seine Position auf einer Karte mitverfolgen. Leider kam bereits nach fünf Tagen kein Signal mehr. Das könnte natürlich einfach an einem technischen Fehler liegen, oder daran dass der Sender verloren ging. Viele spekulieren jedoch stattdessen dass unser verirrter Besucher im weiten Ozean als Happy Meal sein Ende fand.
Wahlen und andere Katastrophen
Etwas glücklicher waren da mehrere hundert Zwergpinguine aus der Bay of Plenty, die von der Ölkatastrophe vom Containerschiff Rena betroffen waren.

Die reichlich instabile Rena (Foto von NZHistory.net.nz)
Die Rena lief am 5. Oktober vor Tauranga auf ein Riff. Noch ist nicht vollständig geklärt wie es dazu kommen konnte, denn das sogenannte Astrolabe Reef war bekannt und gut kartographiert. Mehrere Besatzungsmitglieder wurden seit dem Unglück festgenommen und es werden strafrechtliche Vorwürfe gegen sie erhoben.
Etwa 350 Tonnen Öl liefen von der Rena ins Meer, was Unglück zu der schlimmsten Umweltkatastrophe macht die Neuseeland je erlebt hat. Das schwer beschädigte Schiff hängt seither prekär und mit Schlagseite auf dem Riff während sich immer mehr Risse bilden und die Gefahr besteht, dass es vollständig auseinanderbricht. Container fielen über Bord und bis heute wird alle mögliche Fracht, darunter Lebensmittel und Fleisch angespült, was die Strände noch zusätzlich zum Öl verunreinigt. Unter extrem gefährlichen Bedingungen und immer wieder von schlechtem Wetter unterbrochen versuchten Helfer das verbleibende Öl abzupumpen. Das gelang auch fast – doch erst gestern wieder wurde von einem neuen Ölfilm berichtet der sich bildet wo die verbliebenen Reste nun auslaufen. Auch die Bergung der 1.368 Container geht nur langsam voran und wird wohl noch bis März dauern
Für etwa 2.000 Seevögel die vom Öl erwischt wurden kam alle Hilfe zu spät. Hunderte weitere konnten jedoch gerettet und in Wildlife Recovery Centres wieder aufgepäppelt werden. Ende November wurde die erste Gruppe Zwergpinguine wieder in die Freiheit entlassen (Video). Bevor sie gehen durften mussten sie sich noch einem Fitnesstest unterziehen bei dem sie sechs Stunden lang schwimmen mussten um zu prüfen ob ihr Gefieder wieder richtig wasserfest war. Jetzt werden sie via Mikrochip beobachtet um sicherzugehen dass ihre Genesung auch weiterhin fortschreitet.

Wenn du auf den Zaun sitzt frisst dich das Zebra! Ach wären nur unsere Politiker so ehrlich wie dieses Warnschild im Wellington Zoo.
Der Zeitpunkt des Rena-Unglücks hätte für die Regierung nicht ungünstiger sein können. Noch waren zehntausende Rugbyfans im Land, die täglich die Schlagzeilen und Bilder von der Katastrophe sahen. Die Parlamentswahl war für Ende November angesagt, und nun, anstatt im Glanz der siegreichen All Blacks zu einem sicheren Sieg zu gleiten, musste man sich im “grünen, sauberen Neuseeland” mit ölverschmutzen Stränden und toten Vögeln auseinandersetzen.
Und trotzdem: Weder die Rena noch Christchurch, weder der umstrittene Plan zur Teilprivatisierung staatseigener Firmen noch ein Skandälchen kurz vor der Wahl machten einen Unterschied: Die konservative National Party erhielt fast genügend Sitze um allein zu regieren (47%, +2.3%), die sozialdemokratische Labour befindet sich weiterhin im freien Fall (27%, -6.5%), die Grünen legten stark zu (11%, +4.3%) und dann gab es noch die üblichen Kleinparteien und Einzelgänger die zwar immer viel Aufmerksamkeit in dem Medien bekommen aber meiner Meinung nach in Wahrheit nie viel bewirken. Hätte ich geglaubt dass es im Moment in diesem Land eine echte, funktionsfähige Opposition gibt, dann hätte ich mich wohl über dieses Ergebnis viel mehr geärgert.
Samoanische Wutbürger
Das letzte Mal als wir in diesem Tagebuch über Samoa berichteten marschierten gerade 7000 aufgebrachte Menschen in die Hauptstadt um dagegen zu protestieren dass in Zukunft auf der linken Strassenseite gefahren werden soll. Die Empörung ist auch vier Jahre später noch gross. Es gibt sogar eine Aktionsgruppe namens ”People Against Switching Sides” (PASS) welche allen Sicherheitsbedenken zum Trotz dazu rät, die neue Regel einfach nicht zu beachten und auch weiterhin rechts zu fahren. Dennoch trat die Umstellung im September 2009 in Kraft, wenn auch viele der Details (Platzierung von Strassenschildern, Türen an Bussen usw.) immer noch nicht umgesetzt sind.

Kein Samoanisches Strassenschild sondern eine Herr Der Ringe Markierung am Mt Vic
Nun hat die samoanische Regierung einen neuen Plan ausgeheckt um das Land besser mit seinen Nachbarn und grössten Handelspartners Australien und Neuseeland in Einklang zu bringen: Ein Sprung über die Datumsgrenze. Bis gestern war Samoa der letzte Ort an dem die Sonne untergeht, eine Tatsache mit der heftig um Touristen geworben wurde. Nun wird es der erste sein, und damit die gleichen Wochentage wie wir hier haben. Dazu wurde ein ganzer Tag einfach übersprungen: auf den 29. folgte sogleich der 31. Dezember. Die Hälfte der Bevölkerung Samoas lebt ohnehin in Australien und Neuseeland – die Umstellung klingt also vernünftig. Abgesehen von Arbeitgebern die nicht begeistert waren dass sie ihre Bediensteten für einen Tag bezahlen mussten den es gar nicht gab, hörte man dieses Mal nichts von grossen Protesten (wahrscheinlich arbeiten die samoanischen Wutbürger immer noch den Fahrtrichtungswechsel ab.)
Zu dumm nur dass Amerikanisch-Samoa, welches, wie der Name sagt, ein US-amerikanisches Aussengebiet (Territory) ist, die Umstellung nicht mitmacht. Aber der einfallsreiche Premierminister hat auch dafür eine Lösung: Inselhopping mit Zeitreise. “Wenn man einen Geburtstag in West-Samoa feiert, kann man rüber und den selben Geburtstag in Ost-Samoa feiern. Das wird sehr aufregend.”
Das himmlische Kind
“Is the Capital really that windy?” (Ist die Hauptstadt wirklich so windig?), fragte unser lokales Käseblatt Anfang des Monats, und die Antwort scheint zu sein, ja, schon, das ist sie. Nicht nur ist Wellington die südlichste Hauptstadt der Welt und diejenige, die von allen anderen am weitesten entfernt ist, sondern es ist auch die windigste Stadt. Wenn ich auf frühere Einträge in diesem Tagebuch zurückschaue scheint der Frühling in jedem Jahr “einer der windigsten” zu sein, und ich habe den Verdacht dass die weniger windigen Jahre nur ein Märchen sind das man Neuankömmlingen weismacht damit sie nicht gleich wieder gehen. Ich glaube nicht dass ich mich jemals daran gewöhnen werde, aber ich muss zugeben dass einem die seltenen windstillen Tage irgendwie komisch vorkommen.

Das kaum weniger ironische siegreiche Design
Laut dieser Karte und den fünf Stufen der Windaktivität befinden sich unsere Wohnung in Zone 3, was “hoch” entspricht. Am Flughafen, der auch nicht viel anders ist als der Rest der Stadt, ist die durchschnittliche Windgeschwindigkeit 29 km/h – das ist Durchschnitt, wohlgemerkt, und nichts gegen die 104 km/h Böen die im November gemessen wurden, oder die Tatsache dass Sturmböen von mindestens Orkanstärke an 175 Tagen im Jahr vorkommen (Orkanstärke ist 75 km/h).
Manche Strassen in der Stadt sind richtige Windtunnel. Man hat sich in den letzten Jahrzehnten bemüht, entsprechend zu bauen um die Situation zu entschärfen, aber nur mit mässigem Erfolg. Währenddessen wurde das Wetter das wir zu hassen lieben Inspiration für ein neues Design für den verhassten WELLYWOOD Schriftzug den ich kurz in meinen letzten Eintrag erwähnt habe. Nach anhaltenden Protesten gab das Flughafenmanagement schliesslich nach und rief einen öffentlichen Wettbewerb aus bei dem man Gegenentwürfe einreichen und später über sie abstimmen konnte. Im November schliesslich wurde ein Schriftzug mit dem Wort WELLINGTON, bei dem die letzten paar Buchstaben vom Wind weggeblasen werden, als der Sieger verkündet. Um ehrlich zu sein finde ich das auch nicht viel besser als die erste Version – leider war “grüner Hügel ganz ohne Schrifzug” keine Option. Was wohl der Samoaner in diesem Falle machen würde? Vielleicht dieses.
Und jetzt?
Kürzlich entdeckte ich dass mein Name ein Anagramm ist für “be silly” (sei albern).
Ich glaube das Universum versucht, mir eine Botschaft zu schicken.
Dies also ist mein Plan für das neue Jahr: Höre auf das Universum. Sei gut und mutig und gütig und albern.
Oder, mit den Worten von Neil Gaiman:
Möge dein neues Jahr voller Magie und Träume und guter Verrücktheit sein. Ich hoffe Du liest ein paar gute Bücher und küsst jemanden der denkt dass du wundervoll bist, und vergiss nicht, Kunst zu schaffen – schreibe oder male oder baue oder singe oder lebe wie nur du es kannst. Möge dein neues Jahr etwas wunderbares sein, in dem du gefährlich und unerhört träumst.
Ich hoffe das du etwas schaffst das es nicht gab bevor du es geschaffen hast, dass du geliebt und gemocht wirst und dass du Menschen hast die du liebst und magst. Und, das ist das allerwichtigste, denn ich glaube dass die Welt im Moment mehr Güte und Weisheit braucht – ich hoffe dass du, wenn es nötig ist, weise bist, und dass du immer gütig bist. Und ich hoffe dass irgendwann im nächsten Jahr du dich selbst überraschst.
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Das, was du hier berichtet und erzählt hast, liebe Sybille, war total interessant. Irene und ich, wir haben es mit Erstaunen gelesen, was du persönlich erlebt hast und von dem wir hier hin und wieder mal eine Zeitungsnotiz finden. Das mit dem Pinguin z.B., das findet wir in der Schwäbischen.
Doch sei dir eine Danksagung gewidmet. Danke für diese Information aus erster Hand.
Euch Viertel oder noch weniger Kiwis wünschen wir ein gutes Neues Jahr. Gut, wie ihr es definieren wollt.
Auf ein Neues.
Irene und Josef Straka.