März-Mai 2011
Interessante Zeiten.
Der Jahresrückblick 2010 endete mit den Worten, “Wie der Chinese sagt, mögt Ihr in interessanten Zeiten leben.” Nun, es sieht so aus als ob der Chinese das so nie gesagt hat. Es ist trotzdem ein guter Spruch. Und die letzten paar Monate waren auch wirklich alles andere als uninteressant.
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

KL vom Menara Tower aus gesehen
Beginnen wir mit dem Ende: Nächsten Montag trete ich eine neue Arbeitsstelle an. Das habt Ihr nicht kommen sehen, oder? Ich auch nicht. Da war sie, die Gelegenheit, meinem Anspruch gerecht zu werden, bereitwillig Ungewissheit und Veränderung anzunehmen.
Der Auslöser für dieses unerwartete Ereignis war dass Brian gekündigt hat. Wie es im offiziellen Blog hiess: “Brian und der Vorstand haben die Zukunft der Firma diskutiert und beschlossen das nun ein guter Zeitpunkt ist, separate Wege einzuschlagen.” Es wird nicht überraschen dass seine Entscheidung einen Loyalitätskonflikt für mich verursachte, sowohl in persönlicher als auch in professioneller Hinsicht. Die persönliche Seite muss ich sicher nicht weiter erklären. Was die berufliche Seite anbelangt, so ist es immer eine Herausforderung, mit dem Ehepartner zusammenzuarbeiten. Das war uns von Anfang an bewusst, und als ich vor drei Jahren in die Firma eintrat, war es trotz der Tatsache dass wir verheiratet sind, und weil wir einfach sehr gut zusammenarbeiten und ich fest von Brians Zukunftsvision und Führungsstärke überzeugt bin. Als er ging, war es auch mir sehr schnell klar dass ich mich neuorientieren musste.
Eine der Auswirkungen meiner Karriere der letzten Jahre war dass meine Erfahrung mit der Jobsuche dieses Mal ganz anders war als zuvor. Sobald ich wusste dass ich im Arbeitsmarkt war fing ich an, darüber nachzudenken was ich als nächstes machen wollte, die Arten von Stelle die mich interessierten, und die Firmen, für die ich gerne arbeiten würde. Ausserdem veröffentlichte ich kurze “Ich bin auf Jobsuche” Statusnachrichten auf Twitter und LinkedIn – und das wars dann auch fürs erste. Was ich nicht tat war grossartig Jobanzeigen zu studieren oder mich auf Stellen auf den üblichen Jobseiten zu bewerben. Zwar setzte ich mich mit einem Personalvermittler in Verbindung, aber das war war eine Sackgasse, und ich habe diesen Weg auch nicht sehr intensiv verfolgt.

Verkehrsreiche Kreuzung mit Einschienenbahnen in KL
Die Möglichkeit, und schliesslich das Jobangebot, kam zu mir durch mein Netzwerk – Leute die ich kenne, und eine Firma die ich respektiere und die auf meiner “Hier könnte ich arbeiten” Wunschliste ganz oben stand. Besser noch, ich werde nicht einmal eine ausgeschriebene Stelle antreten, sondern vielmehr unter der gemeinsamen Annahme einsteigen dass ich gut zu der Firma passe, und was genau daraus wird wird sich herausstellen. Anfangs zumindest werde ich eine Mischung aus Business Analysis, User Experience, und Projektmanagement machen. Was mir auch sehr wichtig war ist dass ich fest in der Open Source Welt verwurzelt bleibe. Natürlich bin ich begeistert (und habe genug Respekt dass ich auch ein bisschen nervös bin) und freue mich auf meinen ersten Arbeitstag!
Schlammige Flussmündung

Sultan Omar Ali Saifuddien Moschee
Das letzte Mal dass wir spontan in Urlaub fuhren war neunzehnhundertniemals. Und obwohl wir inzwischen nach einem erfolgreichen ebensolchen Urlaub wieder zurück in Wellington sind bin ich immer noch ein bisschen fassungslos dass wir das wirklich geschafft haben. Wie war das nochmal mit dem Annehmen der Ungewissheit?
Unsere (sehr logische) Begründung war dass wir gerade eine sehr intensive Zeit hinter uns hatten, und dass es von nun an wahrscheinlich nur noch intensiver wird. Ausserdem ist die Zeit zwischen Jobs ideal für eine Entspannungspause, denn man muss ja keinen Urlaub nehmen; ausserdem braucht man es wahrscheinlich gerade in solchen Zeiten am meisten. Und schliesslich wird es so langsam aber sicher Winter hier in Neuseeland, und die Vorstellung, eine Woche lang irgendwo Wärme zu tanken war ach so verlockend.

Petronas Towers
Zuerst dachten wir an Australien, aber irgendwie konnten wir uns für nichts so richtig begeistern (sorry Nachbar, es ist nicht deine Schuld.) Dann fing ich an, die Webseiten der Reisebüros zu studieren um Ideen zu bekommen, und da war es dann: Kuala Lumpur. Die Hauptstadt von Malaysia erfüllte alle Wünsche: gross (Bevölkerung von 1,7 Millionen), dicht besiedelt (6.500 Menschen//km2), tropisch (liegt nur 3 Grad nördlich des Äquators), und unglaublich divers in jeder Hinsicht. Malaysia ist ein multikulturelles, multi-ethnisches, multireligiöses usw. Land, und die Mischung von Menschen und Kulturen ist eines der vielen Dinge die KL so attraktive machen. Wir sahen Moscheen, Taoistische – und Hindutempel neben hochmodernen Wolkenkratzern und den allgegenwärtigen Shopping Malls. An unserem ersten Abend sassen wir auf der Terrasse eines Restaurants als zufälligerweise die Wesak Day Parade vorbeizog, welche die Geburt, Erleuchtung und den Tod Buddhas feiert, mit Kerzen, geschmückten Motivwägen und Gesängen, zwischen Anzeigen für ultraschnelles, billiges mobiles 4g Internet.
Es gibt kein Bier auf Brunei

Royal Brunei Airline zeigt nicht nur Standpunkt und Flughöhe, sondern auch Entfernung zu Mekka
Wir flogen mit Royal Brunei Airlines nach KL, weshalb wir eine Nacht in Bandar Seri Begawan, der Hauptstadt des winzigen Sultanats einlegen mussten. Brunei liegt an der Nordküste von Borneo, geteilt in zwei nicht verbundene Regionen und umgeben von Malaysia, welches selbst auf zwei verschiedene Landmassen verteilt ist die durch das Südchinesische Meer voneinander getrennt sind. Es leben nur 400.000 Menschen in Brunei (weniger als in der Region von Wellington), und sie geniessen dank der riesigen Öl- und Gasvorkommen einen sehr hohen Lebensstandard. Auf dem Weg vom Flughafen wies uns der Fahrer darauf hin dass ein Liter Superbenzin hier 50 Cent (das entspricht etwa 28 Euro Cent) kostet – allerdings nur für die Einheimischen; Ausländer zahlen mehr als das doppelte für die nicht-subventionierte Version.
Brunei ist ein seltsames Land. Zum einen gilt dort das islamische Scharia-Gesetz, weshalb man nirgends Alkohol kaufen kann – es gibt keine Kneipen, nicht einmal in den Hotels, und nur ganz wenige Restaurants. Trotz der grossen Reichtums des Lands fühlt man sich beim Spaziergang durch die Hauptstadt mit ihren breiten, von Fussgängern fast verlassenen Strassen, eher in das Ostdeutschland der 70er Jahre versetzt. Unser Abendessen im Hotel, bei Obstsaft und begleitet von kostümierten Folkloretänzern, war eine der deprimierendsten Mahlzeiten seit langer Zeit (man muss aber dazu sagen dass alle sehr freundlich waren.)

Typisches Souvenir aus Brunei: Eine Ölbohrplattform aus Messing
Wir hatten trotzdem einen interessanten halben Tag in Bandar Seri, und in der Zeit konnten wir auch die meisten Touristenattraktionen abhaken: Die Omar-Ali-Saifuddin-Moschee (hübsch mit künstlicher Lagune), das Royal Regalia Museum (teilweise eine Nachstellung der Krönung des Sultans, teilweise eine Sammlung von Geschenken die der Sultan von anderen Regierungen erhalten hat. Tip: Korea vermeiden, deren Geschenke taugen gar nichts!) Der Höhepunkt war jedoch eine anderthalbstündige Fahrt mit dem Wassertaxi auf dem Brunei River in den Dschungel von Borneo, wo die Nasenaffen, die es nur hier gibt, in den Bäumen sitzen (leider zu weit weg um sie richtig zu sehen), und ins Wasserdorf Kampong Ayer, wo fast 40.000 Menschen in Häusern auf Stelzen wohnen, in einer Siedlung komplett mit Polizei, Feuerwehr, und Moschee.
Affen!

Batu Caves mit goldener Riesenstatue
Und dann, KL. Wir waren begeistert. So sehr dass Hong Kong als meine Lieblingsstadt Konkurrenz bekommen hat. Wie ich schon erwähnt habe ist es die Vielfalt die wirklich etwas besonderes ist. Was uns ausserdem überraschte war wie modern die Stadt ist. Ein Beispiel: die Angebote für billiges, schnelles Breitbandinternet allein sind genug, einen Kiwi zum Weinen zu bringen. Überall wurde gebaut (wie ein Taxifahrer erklärte, “wir können einfach keine unbebauten Grundstücke sehen”), und das was wir in der dortigen Zeitung über Wirtschaft und Technologie lasen hat uns beeindruckt (ja, wahrscheinlich ist die Zeitung eher regierungsfreundlich – trotzdem.)
Oh, und die Mahlzeiten. Ich wünschte ich hätte einfach die ganze Wochen nur essen können. Wir hatten einige der besten Mahlzeiten unseres Lebens in KL. Es gibt tropische Früchte im Überfluss, und das beste was südostasiatischen Küche zu bieten hat. Was es mir natürlich besonders angetan hatte war dass wir draussen essen konnten, denn die Temperatur sank auch nachts nie unter 25 Grad. Allerdings erlebten wir einige tropische Regengüsse – jeden Abend ungefähr um 18 Uhr kam auf einmal ein Gewitter wie eine Flut über die Stadt, und hörte dann nach ein paar Stunden genauso schnell wieder auf wie es angefangen hatte. Wir verbrachten mehrere dieser Regengüsse unter einer Markise in der warmen Tropenluft, mit einen Glas Wein in der Hand und Blick auf die Stadt. Das ist das gute Leben!

Überall spottbilliges Internet fürs Handy
Einmal machten wir einem Ausflug zu den Batu-Höhlen, einem Hindutempel in einer hochgelegenen Kalksteinhöhle in der man sich vorkommt wie in einem Indiana Jones Set, und wo hunderte Makaken die 272 Stufen die zum Tempel führen rauf- und runterspringen. Ansonsten blieben wir in der Stadt und gingen dort auf Entdeckungstour. Einige der Höhepunkte waren der Ausblick vom Menara Kuala Lumpur, dem vierthöchsten Fernsehturm der Welt, die kleinen Fische die uns im Fish Spa, an den Füßen herunknabberten, und der wunderschöne Bird Park, eine riesige Voliere in der man zwischen Pfauen, Störchen, Papageien und 200 anderen Vogelarten in einem üppigen tropischen Garten herumspazieren kann.
Wir freuen uns schon auf den nächsten Besuch!
Kein Thema

Gib dem Affen Zucker
Es gibt noch andere Dinge über die ich schreiben könnte, zum Beispiel die sehr hitzige Debatte über den ziemlich peinlichen Beschluss des Wellingtoner Flughafens, einen dem Hollywood Sign nachempfundenen “Wellywood” Schriftzug aufzustellen, ein Plan der aus offensichtlichen Gründen auf massiven Widerstand stößt. Dann ist da noch so politisches Zeug das auch nicht viel besser ist und wahrscheinlich nur noch schlimmer wird, denn es ist Wahljahr. Die Rugby-Weltmeisterschaft fängt erst im September an aber nervt jetzt schon (darf ich das überhaupt laut sagen?). Und so weiter.
Stattdessen schliesse ich diesen Eintrag lieber mit einer weiteren westlichen Fehlinterpretation der chinesischen Sprache, nämlich dass das Wort “Krise” aus den Schriftzeichen für “Gefahr” und “Chance” zusammengesetzt ist (crisitunity, wie Homer Simpson sagt.) Wie mit dem eingangs erwähnten berühmten Fluch ist auch diese Geschichte mehr Mythos als Wirklichkeit. Als Gedanke jedoch ist sie durchaus hilfreich und auch wahr.
Jedenfalls freue ich mich auf die Chancen die sich mir nun bieten, und kann es kaum erwarten, zu berichten wie’s denn geht. Bis dahin, wie David Bowie in Ch-ch-changes sagt: Turn and face the strange!
P.S. Falls ihr euch fragt was sich in den drei Monaten seit dem Erdbeben in Christchurch getan hat, ist die Antwort: Leider nicht so arg viel. Hier ist ein ziemlich erschütternder Bericht einer Einwohnerin (auf englisch).
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