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Juli-Dezember 2008

December 30, 2008

Endlich ein neuer Eintrag! Es geht um Geld und Gold, Wahlen und Wale.

Do they know it’s Christmas?

Das Heiligabendwetter übt noch

Sechs Monate ist es her seit meinem letzten Eintrag, und nun da wir uns in der letzten Dezemberwoche befinden habe ich einen dieser “Sch…, ich sollte wirklich wieder mal mein Blog aktualisieren” Momente. Schuldgefühle funktionieren am Jahresende immer am besten.

Also: Letztes Mal war ich gerade aus Hong Kong zurückgekehrt.  Seitdem habe ich die Innenstadt von Wellington kein einziges Mal verlassen. Wäre ich nicht so beschäftigt gewesen könnte mir dieser Gedanke schon ein wenig Klaustrophobie verursachen. Wellington ist da widersprüchlich: Einerseits ist es unglaublich bequem dass alles so nah beieinander ist. Andererseits ist eben alles immer ganz nah beieinander. Das geht nicht nur mir so. Sowohl Leute die hier aufgewachsen sind als auch neu Zugezogene erzählen von ähnlich gemischten Gefühlen. Es ist ein bisschen wie mit dem Wetter: unbeschreiblich scheusslich an einem schlechten Tag, und einfach herrlich an einem guten. Leute die keine Extreme mögen sollten besser nicht hierherziehen.

Man kriegt die Krise

Da muss es ja schlecht um die Wirtschaft stehen wenn sogar der örtliche Strip Club dicht macht

Wie im Rest der Welt haben auch hier in Neuseeland globale Probleme die Nachrichten dominiert. Der starke Anstieg des Ölpreises während der zweiten Jahreshälfte hat dazu geführt dass fast alles teurer geworden ist. Und wenn auch der ebenfalls starke Sturzflug des Kiwi Dollar gegenüber dem US Dollar (und dem Euro) dem Export hilft, hat auch das den Druck auf die Konsumenten noch erhöht, ganz zu schweigen davon dass Reisen in andere Länder zur Zeit so gut wie unbezahlbar sind.

Mit am schlimmsten getroffen wurde auch hier der Wohnungsmarkt. Auch wenn die Situation hier zum Glück immer noch viel besser ist als in den USA, so hörten doch die Immobilienpreise Mitte des Jahres auf zu steigen und fingen umgehend an, stark zu fallen. Für viele die ihr Haus während des Booms gekauft haben, oft mit nur geringer oder sogar ganz ohne Anzahlung, bedeutet das nun dass die Summe die sie schulden höher ist als der Wert ihrer Immobilie. Einer von 5 Hausbesitzern soll sich im Moment in so einer Situation befinden. Zwar hat die Reserve Bank Ende des Jahres endlich die Zinsen gesenkt, aber die Mehrzahl der Hypothekenbesitzer hat feste Zinssätze und wird deshalb von den niedrigeren Sätzen erst in Monaten oder sogar Jahren profitieren.

Wellington von den Hügeln bei Brooklyn aus gesehen

Der Wohnungsmarkt war nicht der einzige Grund zur Sorge: Auch Lebensmittelpreise sind emporgeschnellt; im August sahen wir den höchsten monatlichen Anstieg seit 19 Jahren. Am schlimmsten ist es für Grundnahrungsmittel: Verglichen zum Vorjahr kostet Salat 145% mehr, Butter 88%, Käse 44%, Brot 17% und Milch 13%. Die Schuld für die hohen Preise wurde den erhöhten Transportkosten zugeschoben, jedoch sind auch nun, da der Benzinpreis wieder viel niedriger ist, die Lebensmittelpreise immer noch genau so hoch. Anders als viele Kiwis können wir das auffangen, aber für viele ist das eine echte Belastung.

Da half es auch nicht das Neuseelands grösste Firma (nach Umsatz), das Molkereiunternehmen Fonterra, in den chinesischen Milchskandal verwicklet war. China ist einer der grössten Exportmärkte für neuseeländische Milchprodukte, und die chinesische Firma Sanlu, von der Fonterra 43% besitzt, war im Mittelpunkt des Skandals. Anscheinend hatte Sanlu bereits im Dezember 2007 Beschwerden über seine mit Melamin getreckte Babynahrung erhalten, aber log acht Monate lang darüber bevor das Problem öffentlich wurde. Fonterra will davon vor August 2008 nichts gewusst haben. Egal ob das stimmt oder nicht (ich weiss ehrlich nicht was ich glauben soll), es hat auf jeden Fall das Ansehen der Firma beschädigt, und das in einer Zeit in der die Wirtschaftslage sowieso schon fragil ist.

Change we can’t really believe in

Zur Wahl nach rechts

Im November 2008 fanden in Neuseeland Parlamentswahlen statt. In Neuseeland wählt man alle drei Jahre—zu kurz, meiner Ansicht nach, um wirklich etwas bewirken zu können. Dieses Jahr war der Wahlkampf ganz klar von den US Präsidentschaftswahlen überschattet, welche vier Tage früher stattfanden und die bei den Kiwis weit mehr Interesse und Begeisterung auslösten als unsere eigenen.

Den Umfragen zufolge war es schon lange klar dass die regierende (links/Mitte) Labour Party von Premierministerin Helen Clark verlieren würde und dass die neue Regierung von der (rechts/konservativen) National Party unter dem Neuling John Key gebildet würde. Beide Parteivorsitzenden und Kandidaten verwiesen auf den Wahlausgang in den USA und deuteten die Tatsache dass “die Menschen für progressive Politik”, beziehungsweise “für einen Regierungswechsel” gestimmt hatten als ein gutes Zeichen für ihre eigenen Chancen. Am Ende kam es (je nach politischer Überzeugung) wie vorhergesagt/erhofft/gefürchtet: National erhielt eine komfortable Mehrheit und bildete zusammen mit mehreren kleinen Parteine eine breite Regierungskoalition. Ergebnisse im Detail.

Kajaks am Hafen von Wellington

Anders als bei der letzten Wahl, als wir noch kein ganzes Jahr im Land waren, durften wir dieses Mal mitwählen, aber ich muss zugeben dass mich das was da zur Auswahl stand nicht eben inspiriert hat. Viele der Themen und Debatten schienen kleinkariert und irrelevant angesichts der globalen Probleme denen das Land gegenübersteht. Schlimmer noch, der Wahlkampf wurde von Schuldzuweisungen und Vorwürfen dominiert anstatt dass man versucht hätte, Wege zu finden um die Probleme anzugehen. Wir haben ein paar der Debatten im Fernsehen angesehen und es war widerwärtig zu sehen wie diese Spitzenpolitiker einander an- und überschrien und mehr daran interessiert schienen, der lautere zu sein als an einer echten Debatte um die Themen. Bis jetzt hat die neue Regierung innerhalb von zwei Wochen acht neue Gesetze im Eilverfahren durchgeboxt, also ohne öffentliche Debatte in Ausschüssen. Wenn ich auch nicht unbedingt mit den neuen Gesetzen selbst ein Problem habe, so bin ich doch ganz und gar nicht einverstanden mit der Vorgehensweise die den demokratischen Prozess einfach aus Prinzip abkürzt. Vielleicht ist die dreijährige Legislaturperiode ja doch nicht so schlecht und ich kann hoffen dass die nächste Wahl anders ausgeht.

Zumindest muss ich mir keine Sorgen über Bestechung machen: Neuseeland ist nach einer jüngsten Studie neben Dänemark und Schweden das am wenigsten korrupte Land der Welt. Der Corruption Perceptions Index 2008 der Organisation Transparency International untersuchte 180 Länder und klassifizierte sie auf einer Skala von null bis zehn, wobei null den höchsten Grad an Korruption bedeutete und zehn den geringsten. Neuseeland kam auf 9,3. Deutschland, neben Norwegen, war an 14. Stelle (7,9); die USA an 18. (7,3).

Goldfinger

Das Poolburn Viaduct in Central Otago

Kurz vor Jahresende schaffte ich es dann doch noch für ein paar Tage aus Wellington raus. Wir machten einen Kurzurlaub im Süden, in Central Otago.

Central Otago liegt in der unteren Südinsel, etwa zwischen Dunedin und Queenstown. Es ist am besten bekannt für seine bergige, kahle, wilde und unwirtliche Landschaft; Hochland mit Schluchten, weiten Ebenen und tiefblauen Seen, grossem Himmel und klarem Licht. Die Gegend ist sehr dünn besiedelt: nur 17.000 Bewohner auf 10,000 km2. Ähnlich wie in den Foothills in Kalifornien ist auch Central Otago vom Gold geprägt, einer Geschichte der man auch heute noch auf Schritt und Tritt begegnet wenn auch heute die Wirtschaft hauptsächlich von Wein, Schaftzucht und Tourismus lebt.

Gold wurde erstmals 1863 in St Bathans entdeckt, und wie auch ein Jahrzehnt zuvor in Kalifornien strömte Tausende in die Region um ihr Glück zu versuchen. Überall entstanden Städte deren Bevölkerung schnell in die Tausende wuchs, und mit ihnen die unvermeidliche Infrastruktur, vor allem Banken, Bars und Bordelle. Von den 1860er Jahren an suchten Goldgräber aus der ganzen Welt nach Gold in den Flüssen und Bächen und erfanden raffinierte Techniken um das Gold mit Hilfe von Hydraulik und Machinen zu bergen. Bis zum heutigen Tag sieht man überall historische Gebäude, Bergbauausrüstung, Tunnel und Schleusen, und es gibt mehrere kleine aber interessante Museen zur lokalen Geschichte. Man kann sich kaum vorstellen wie hart es für diese Pioniere gewesen sein muss, vor allem in den extrem kalten Otago Wintern, wenn es kaum etwas gab das sich als Feuerholz eignete und der einzige Schutz vor den Elementen Lehmhütten oder schlimmer noch, Zelte waren. Um die Jahrhundertwende wurden die Goldminen fast überall stillgelegt, nicht so sehr weil das Gold ausgegangen war, sondern wegen der harten Bedingungen und dem sinkenden Goldpreis.

Viertele schlotza

Reben von Bald Hills in Bannockburn

Das heutige Gold ist rubinrot, erdig und mit einer Spur Kirsche: Mit einer Lage auf dem 45. Breitengrad Süd—genau in der Mitte zwischen dem Äquator und dem Südpol— ist Central Otago das südlichste kommerzielle Weinbaugebiet der Welt. 300 m über dem Meeresspiegel gelegen ist es ausserdem das höchste in Neuseeland. Heisse, trockene Sommer und kalte Winter sorgen für ein Klima das dem anderer grosser Weinregionen wie z.B. Burgund oder Elsass ähnelt. Die Trauben reifen langsam, was dem Wein einen intensiven Geschmack verleiht, und die Böden sind reich an Mineralien. Das macht Central Otago ideal für Pinot Gris, Riesling und Pinot Noir, die bekannteste Variante und mein Lieblingswein.

Schon bereits die Goldgräber im 19. Jahrhundert bauten Wein in der Gegend an, aber so richtig kam der Weinbau erst in den 1980er Jahren in Schwung. Selbst heute ist die Mehrzahl der Weingüter klein und produziert hauptsächlich für den lokalen Markt, in anderen Worten, man kann die Weine nicht einmal hier in Wellington kaufen. Nur wenige grosse Weingüter wie z.B. Mt Difficulty und Felton Road sind auch in einem weiteren Umfeld und sogar international bekannt. Parallel mit dem wachsenden Weingeschäft fiel uns auch auf dass in der Region grosses Interesse an gutem Essen herrscht, vor allem an Nahrungsmitteln die in der Region produziert werden.

Endlich Urlaub

Himmel über Central Otago

Ich kann Central Otago allen die Neuseeland besuchen nur wärmstens empfehlen. Die Landschaft und das Licht sind einfach atemberaubend. Die gelassene Gangart ist ein willkommener Kontrast zum Stadtleben (ja, sogar Wellington zählt—es ist eben alles relativ) und die Gastfreundlichkeit lässt einen überall willkommen fühlen. Es gibt viel zu erleben, vom Besuch der historischen Stätten zu Aktivitäten wie Radfahren, Wandern oder Fotografieren, und dann ist da noch das Essen und der Wein…oh, das Essen und der Wein… Wir übernachteten in einem sehr netten Bed and Breakfast in dem vormaligen Goldgräberstädtchen Naseby und erkundeten die Region von dort aus, unter anderem einen Tag lang per Fahrrad auf dem hervorragenden Central Otago Rail Trail. Die ehemalige Eisenbahnlinie wurde in einen Rad- und Wanderweg umgewandelt auf dem keine Autos erlaubt sind—meines Wissens ist das einzigartig in Neuseeland.

Mehr zu unserem Urlaub

Und schliesslich,

Ein Video von einem gestrandeten Wal das im Internet die Runde macht. Es hat sich von einem obskuren Geheimtipp zu einer Ikone der Popkultur entwickelt und bringt den neuseeländischen Humor perfekt auf den Punkt. Viel Spass damit (oder schüttelt einfach nur den Kopf darüber), und ein gutes neues Jahr!

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