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Januar 2005

January 31, 2005

In dem wir Jobs finden aber noch nicht anfangen und mehr über das Gesundheitswesen lernen während wir darauf warten dass das elende Wetter endlich aufhört und der Sommer anfängt. Als das endlich passiert machen wir uns auf in die Wildnis, erklimmen Berge und bezwingen Flüsse. Damit verdienen wir uns das Recht, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen zu dürfen.

Neues Jahr

2005 kam ganz plötzlich. Wir waren zu einer Silvesterfeier bei der Freundin einer Freundin eingeladen. Die Party fand hier in Wellington statt, in einem echt schönen Haus nur wenige Minuten von der Innenstadt entfernt, oder wie es hier heißt, dem CBD (Central Business District = Zentrales Geschäftsviertel). Das Haus war etwas weg von der Straße und von Bäumen umgeben, hatte einen großen, offenen Innenraum mit Holzboden und ein Bad ebenfalls ganz aus Holz (Boden, Wände, Badewannenverkleidung etc.—sieht man hier relativ häufig und es ist COOL), und einem guten “Fluss” zwischen Innen- und Außenbereich—das ist hier ein wichtiges Kriterium beim Hauskauf. Am liebsten wäre ich gleich eingezogen. Na ja, oder vielleicht doch eher erst nachdem die Partyspuren weggeräumt waren.

Kiwis lieben Kostümfeste. Ich denke mal das ist ein Erbe der Briten—dank Prinz Harry wissen wir ja nun alle daß eine “fancy dress party” durchaus eine, sagen wir mal, informelle Angelegenheit sein kann. Auf unserer Party, die das Thema New Orleans hatte, gab es keine Skandale. Wir hatten uns gefragt was um alles in der Welt man zu diesem Thema tragen könnte, außer vielleicht Marlon Brando’s geripptes Unterhemd aus Endstation Sehnsucht (jemand tat das auch), aber die Gäste kamen in allen möglichen extravaganten Monturen. Mehrere Leute haben uns erzählt daß Kostümläden hier in Neuseeland das ganze Jahr über ein gutes Geschäft machen. (Und falls sich nun jemand wundert: Nein, kein Kostüm für mich! Ein Faschingsmuffel flieht nicht ans andere Ende der Welt nur um sich dann für Silvester zu verkleiden. Also bitte…).

In Neuseeland gibt es kein Neujahrsfeuerwerk, und auch keinen Countdown kurz vor zwölf. Wir sahen nur irgendwann mal zufällig auf die Uhr und stellten erstaunt fest daß es schon nach Mitternacht war, und so war es eben auf einmal 2005.

Immer noch (nicht) der Rede wert: das Wetter

Wunsch? Beschwörung? Conjuration?

Währenddessen war der Sommer immer noch flüchtig bis nicht vorhanden. Anfang Januar erfuhren wir daß der vorherige Monat der kälteste Dezember seit 1945 gewesen war, und der fünftkälteste seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nicht nur das, es gab auch weniger Sonne also normal, und mehr Niederschlag. Und das schlechte Wetter hörte nicht mit dem alten Jahr auf: Am 6. Januar kam ein Sturm über Wellington der mehr Regen in 24 Stunden brachte als was typischerweise über den ganzen Monat Januar fällt. Danach waren wir nicht mehr allzu überrascht von der Meldung, daß vor der neuseeländischen Küste riesige Eisberge gesichtet worden waren, und als dann die Pinguine vor unserer Haustüre auftauchten, zuckten wir nur mit den Schultern und gingen weiter unseren Besorgungen nach. (OK, der letzte Teil ist so nicht passiert. Noch nicht.) Viele Kiwis haben sich bei uns für das schlechte Wetter entschuldigt. Natürlich sind der Tourismus und Landwirtschaft die zwei größten Devisenquellen für Neuseeland, und beide sind vom ausbleibenden Sommer negativ betroffen. Für viele Menschen und Unternehmen ist das kalte Wetter mehr als nur ärgerlich.

Schaffa, schaffa…

Wie ich bereits erwähnt hatte, macht in Neuseeland alles über die Feiertage dicht. Dieses Jahr fielen die beiden Weihnachtsfeiertage (Ja, anders als in den USA gibt’s hier wieder zwei! Der zweite heißt “Boxing Day”.) und sowohl Neujahr und der Tag nach Neujahr auf ein Wochenende. Weil alle vier offizielle Feiertage sind, wurden sie am Montag/Dienstag nach dem entsprechenden Wochenende nachgefeiert, so daß viele Geschäfte und Firmen mindestens bis zum 4. Januar geschlossen hatten; viele fingen erst gar nicht wieder vor dem 10. an. Natürlich waren Supermärkte und große Läden gleich nach Weihnachten wieder offen, oft allerdings mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Manche Restaurants machten über die Feiertage ganz zu, und viele derer die offen waren erhöhten die Preise um 15% Feiertagszuschlag. Mitarbeiter haben an diesen Tagen das Recht auf Gehaltszuschläge, und viele Restaurants geben diese Extrakosten einfach an die Gäste weiter. Eine gute Woche also für Selbstgekochtes.

Kurz vor Weihnachten hatte ich ein paar Vorstellungsgespräche bei einer Webdesign- und Marketingagentur hier in Wellington, die einen Projektleiter für Internetprojekte suchte. Die Gespräche liefen sehr gut, aber weil sie so knapp vor den Feiertagen stattfanden war es klar daß die endgültige Entscheidung erst nach der Pause stattfinden würde. Als sich die Tage so hinzogen wartete ich gespannt auf den 10. Januar, den Tag an dem ich ein weiteres Gespräch und Rückmeldung bekommen sollte. Das war dann auch so, und ich bekam die Stelle! Am 1. Februar fange ich an.

Mein neuer Arbeitgeber ist eine kleine, aber schnell wachsende Firma, zentral gelegen und nur wenige Minuten von unserer Wohnung entfernt. Meine Rolle ist ganz ähnlich wie die in meinem vorigen Job in San Francisco und dreht sich hauptsächlich um die Leitung von Internetprojekten der Firmenkunden—alles von der Projektdefinition und -konzept gemäß der Anforderungen und Wünsche der Kunden, über Design und Erstellung, zu Kundenbetreuung und Wartung. Als Projektleiter bin ich sozusagen der Knotenpunkt an dem meine Projekte zusammenlaufen und arbeite daher mit Leuten aus allen möglichen Richtungen zusammen: intern mit Verkauf/Kundendienst, Designern, Entwicklern, und Management, und extern mit den Kunden.

Ich hatte im Ganzen vier Bewerbungsgespräche, davon drei mit jeweils zwei Leuten. Man wollte sichergehen, daß ich gut in die Umgebung passe; bei kleinen Firmen ist das ja besonders wichtig. Vorstellungsgespräche sind hier nicht so formal wie in den USA, und man bekommt auch direktere Reaktionen, so daß man nicht nach einem zweistündigen Gespräch heimgeht und keine Ahnung hat wie es lief (wie es mir in Amerika ein paarmal passiert ist). Ein weiterer Unterschied zu den USA ist daß neue Mitarbeiter hier typischerweise erst eine dreimonatige Orientierungsphase durchlaufen, bevor sie einen unbefristeten Vertrag bekommen. Das liegt daran daß Arbeitnehmer hier nicht so einfach entlassen werden können wie in Amerika. Die Kehrseite ist daß man auch von den Arbeitnehmern erwartet, daß sie vier Wochen Kündigungsfrist einhalten wenn sie die Stelle wechseln (in Amerika sind es 1-2 Wochen). Normalerweise bieten die Arbeitgeber hier keine Krankenversicherung (siehe unten) oder Rentenpläne an. Kiwis und alle Einwanderer die seit mindestens 10 Jahren im Land sind bekommen ab dem Alter von 65 Jahren eine staatliche Pension, z. Zt. $265/Woche für Alleinstehende und $437/Woche für Paare. Viele Neuseeländer legen Geld für die Rente in privaten Rentenkonten an, und manche Arbeitgeber bieten inzwischen Pläne an bei denen sie zur Altersversicherung ihrer Mitarbeiter einen Beitrag hinzuzahlen.

Der größte und beste Unterschied zu den USA ist natürlich der bezahlte Jahresurlaub: Drei Wochen Minimum sind vorgeschrieben; ab April wird der gesetzliche Mindesturlaub auf vier Wochen erhöht. Viele Arbeitgeber, einschließlich Brians und meiner, geben ihren Mitarbeitern ohnehin schon vier Wochen. Hinzu kommen elf staatliche Feiertage. Die Arbeitswoche hat 40 Stunden, aber anders als in den USA arbeitet man auch wirklich 40 Stunden und nicht mehr. Das haben mehrere Leute während unserer Bewerbungsgespräche deutlich betont. Kiwis nehmen ihren Beruf ernst, aber sie nehmen ihr Leben außerhalb der Arbeit ebenso ernst. Während unserer Vorstellungsgespräche fragten uns alle was wir in unserer Freizeit machen, und die “Über Uns” Sparte auf den Internetseiten der meisten Firmen beschreibt normalerweise nicht nur Ausbildung und Karriere der einzelnen Mitarbeiter, sondern auch deren Hobbies und Interessen.

Rufe Dr. Brinkmann

Anfang des Monats mußte ich zum Arzt für die jährliche Vorsorgeuntersuchung, und so lernte ich zwangsläufig etwas über das Gesundheitssystem in unserem neuen Land. Neuseeland hat ein staatliches Gesundheitswesen das hauptsächlich durch Steuern finanziert wird. Das bedeutet daß die medizinische Versorgung der Einwohner vom Staat subventioniert wird. In manchen Fällen, z. B. Impfungen und Medizin für Kinder und Krankenhausaufenthalte, ist sie sogar umsonst. Wie alle staatlich finanzierten Systeme hat auch dieses seine Schattenseiten, nicht zuletzt, lange Wartezeiten für bestimmte Operationen und Spezialisten, so daß viele Neuseeländer sich zusätzlich privat versichern. Das ist hier nicht sehr teuer, und selbst als Privatversicherter hat man trotzdem noch Anspruch auf staatliche Leistungen; es ist also keine entweder-oder Entscheidung. Anders als in den USA ist Krankenversicherung hier nicht Sache des Arbeitgebers, sondern wird der Verantwortung des Einzelnen überlassen. Man muß also viel weniger Formulare ausfüllen wenn man eine neue Stelle antritt.

Weil ich im Moment noch nicht privat versichert bin und auch noch keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung habe, mußte ich die volle Arztgebühr bezahlen. $60, einschließlich Laboruntersuchung, erschien mir allerdings alles andere als hoch. (Ich erinnere mich daß in den USA der gleiche Arztbesuch um die $400 gekostet hat, Praxisgebühr noch nicht inbegriffen. Weil die Versicherung nie die ganze Rechnung zahlte kam dann immer irgendwann eine Rechnung über $50-60. All dies natürlich trotz hoher monatlicher Versicherungsbeiträge.) Auch kann ich nicht über die Wartezeit klagen: eine Woche für einen nicht-dringenden Termin.

Visumvisionen

Ausgewählt!

Gleich nach der Ferienpause machten wir uns an den nächsten Schritt in Richtung dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Für Einwanderer wie uns, die sich als “Qualifizierte Arbeitskräfte” bewerben, ist das ein Prozeß mit mehreren Stufen. Als erstes muß man sein Interesse an Einwanderung bekunden. Der Antrag dafür heißt “Expression of Interest” (EOI), und für ihn muß man alle möglichen Details über einen selbst, Ausbildung und Qualifikationen, Familie, Gesundheitszustand usw. angeben. Für bestimmte Dinge, wie z. B. Berufserfahrung, bekommt man Punkte angerechnet. Alle EOIs kommen in eine Datenbank (“pool”), und alle zwei Wochen werden die Bewerber mit der höchsten Punktzahl ausgewählt. Diejenigen die nicht sofort ausgewählt werden verbleiben für drei Monate im pool; dann verfällt die Bewerbung. In der Realität sieht es zur Zeit so aus daß die meisten wenn nicht sogar alle EOIs ausgewählt werden, denn die neuseeländische Einwanderungsbehörde NZIS hat im letzten halben Jahr die Schwelle für die Mindestpunktzahl erheblich nach unten verlagert. Warum das? Das Land hat jedes Jahr eine bestimmte Zielvorgabe für Einwanderungszahlen und hat diese im letzten Jahr nicht erreicht, so daß der Prozeß für Einwanderungswillige vereinfacht werden mußte.

Wir reichten unseren EOI Mitte Januar ein, und wie erwartet wurden wir bei der darauffolgenden Ziehung ausgewählt. Als nächstes wird nun NZIS die EOIs so gut es geht auf Richtigkeit überprüfen um sicherzugehen, daß den Kandidaten auch wirklich die jeweils beanspruchte Punktezahl zusteht. Für den EOI muß man noch keine Beweisunterlagen einreichen, aber es kann sein daß man einen Anruf von der Einwanderungsbehörde bekommt und Fragen beantworten muß. Wir hoffen daß in unserem Fall die Überprüfung schnell geht, denn wir mußten ja schon für die Arbeitserlaubnis alle möglichen Unterlagen zur Verfügung stellen. Und weil wir bereits eine Stelle haben, haben wir in unserem Antrag gar nicht alle Punkte geltend gemacht die wir hätten angeben können, denn wir brauchten sie nicht um trotzdem weit über der Mindestpunktzahl zu sein. Je mehr Punkte man geltend macht, desto mehr muß die Einwanderungsbehörde überprüfen, und desto länger dauert es bis man eine Antwort bekommt.

Sobald NZIS sich überzeugt hat daß ein Antrag rechtmäßig ist, wird der Antragsteller eingeladen, sich offiziell zu bewerben (“Invitation to Apply” kurz ITA). In dieser Stufe fallen durchaus einige Kandidaten mangels gefragter Qualifikation durch. Wer eine Einladung erhält muß nun den Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung ausfüllen und zusammen mit seinen Beweismaterialien einreichen. Letztere reichen u.a. von Arbeitsreferenzen über offizielle Studiennachweise zu Polizeilichem Führungszeugnis und Gesundheitsattest. Man muß außerdem seinen Paß abgeben, denn anders als in den USA, wo man eine spezielle Green Card bekommt, wird hier das Aufenthaltsrecht im Reisepaß des Heimatlandes dokumentiert. Je sauberer und vollständiger die Bewerbung ist, desto besser stehen die Chancen daß sie auch schnell bearbeitet wird. Alles, was wir im Moment tun können, ist auf die Einladung warten.

NZIS hat übrigens eine sehr gute Website mit umfassenden Informationen und Zugang zu allen Formularen und Handbüchern die man als Einwanderer braucht um sich zu bewerben. EOIs werden online eingereicht, und man kann sich jederzeit einloggen und seine Daten und den Status seiner Bewerbung einsehen. Cool!

Polterabend

Am 18. Januar wurden wir unsanft daran erinnert, daß Wellington nicht nur Cable Cars und Bay mit San Francisco gemein hat, sondern auch Erdeben. Und es war nicht nur ein Beben das an dem Tag die Nordinsel erschütterte, sondern ganze sieben! Eigentlich sollte ich ja daran gewöhnt sein, aber das war das erste Mal daß die Erde in unserem neuen Land bebte, und ich hatte vergessen wie irritierend das sein kann. Die ersten fünf Beben, vom Nachmittag bis zum Abend, gingen noch unbemerkt an uns vorbei. Das Erdbeben um 21:36 Uhr jedoch ließ uns vom Eßtisch aufspringen, wo wir gerade mit dem Abendessen fertigwaren und bei einem Glas Wein zusammensaßen und redeten. Das Haus schwankte ein paarmal hin und her, aber alles blieb an seinem Platz. Nur 50 Minuten später, als mein Herz gerade wieder normal klopfte, wiederholte sich das Ganze. Das stärkste Erdbeben maß 5,3 auf der Richterskala und hatte seinen Ursprung vor der Küste der Nordinsel, etwa 90 km östlich von Wellington.

Und weils so schön ist bebte es ein paar Tage später schon wieder. Dieses Mal maß es 5,5 auf der Richterskala, und das Epizentrum war nur 30 km von der Innenstadt entfernt. Während die vorigen Beben eher langsam rollend dahergekommen waren, war dieses eine starke, ruckelige Erschütterung. Ich war gerade tropfend aus der Dusche gestiegen und noch nicht einmal richtig wach, also nicht gerade im besten Zustand für eine mögliche Evakuierung, und mein Instinkt reichte nicht weiter als nach einem Handtuch zu greifen und dabei ein paar Schimpfworte zu murmeln. Zum Glück sieht es so aus als nichts schlimmeres passierte als daß in Läden ein paar Gegenstände von ihren Regalen fielen. Ene mene miste…

Urlaub die Zweite

Tongariro Crossing (click to enlarge)

Und dann war es wieder einmal an der Zeit, den Urlaub zu wagen. Beim zweiten Versuch waren die Voraussetzungen deutlich besser als letztes Mal im Dezember. In der Woche vor unserer Abfahrt war es warm und sonnig, sogar hier in Wellington, und laut Wettervorhersage sollte es an unserem Zielort sogar noch wärmer sein. Als wir die inzwischen vertraute Strecke Richtung Tongariro Nationalpark entlangfuhren, kam es uns trotzdem fast komisch vor, daß es nicht wie sonst immer regnete.

Wir verbrachten die ersten drei Nächte in der Discovery Lodge in der Nähe von Whakapapa Village, einer Unterkunft die ich wärmstens empfehlen kann. Dort gibt es alles vom Motelzimmer bis zum Campingplatz, außerdem einen Gesellschaftsraum und verschiedene Dienste wie z. B. Bustransport und Essenspakete. Wir hatten eine private Hütte mit Küche, außerdem gab es eine Bar, ein Restaurant, und eine große Terrasse auf der man sitzen, trinken, und die Vulkane betrachten konnte. Wir haben von all diesen Dingen Gebrauch gemacht.

“Die Sonne wirft einen ersten verstohlenen Blick über die Hügel …

…Vögel zwitschern, Felder gleißen im Morgentau…ein neuer, vollkommener Tag im Paradies.” Dieses schöne Zitat stammt von der Rückseite unserer Müslischachtel, und normalerweise finde ich solch kitschige Werbeprosa nur nervig. Während dieses Urlaubs jedoch beschriebt der obige Satz schlicht und einfach die Wirklichkeit. Die Schönheit der Natur im Tongariro Nationalpark ist schwer in Worte zu fassen. Weil alles vulkanisch ist erscheint die Landschaft oft harsch und öde, und es wird einem schnell klar weshalb diese Gegend als Filmkulisse für Saurons unheimliches Mordor in Herr der Ringe ausgewählt wurde. Und doch, sie ist weitaus vielfältiger als nur felsige Mondlandschaft: Es gibt smaragdgrüne Seen, Schwefelquellen, aktive Schlote und Kraterseen, und sogar üppige grüne Wälder in den niedrigeren Gegenden des Parks.

Gipfelstürmer

Die beste Art, all dies hautnah zu erleben, ist die Tongariro Überquerung (Tongariro Crossing), eine Tageswanderung von 18 km durch die spektakulärsten Abschnitte der Vulkanlandschaft. Anscheinend begeben sich im Sommer 800 Personen pro Tag auf diese Wanderung. Es kam uns aber nicht überfüllt vor. Ein Grund war wohl daß wir eine frühen Start hatten: Unser Bus fuhr um 6 Uhr morgens ab und bereits 15 Minuten später waren wir am Beginn des Wanderweges—mindestens eine Stunde vor all den anderen Bussen; wir hatten also einen guten Vorsprung. Und obwohl es an manchen Punkten etwas voller wurde, z. B. an schwierigen, steilen Aufstiegen oder beliebten Pausenplätzen, schienen wir doch oft ganz allein unterwegs zu sein. In anderen Worten, es war”Kiwi-voll”: viele Leute nach neuseeländischem Standard, aber immer noch ziemlich einsam im Vergleich zu beliebten Zielen in den USA oder Europa.

Es gibt bereits massenhaft Beschreibungen dieser Wanderung und ich glaube nicht, daß die Welt noch eine mehr braucht. So ziemlich alle, die die Tongariro Crossing gemacht haben, sind vollauf begeistert, und das mit Recht. Es ist einfach fantastisch. Die Strecke kann an manchen Abschnitten etwas schwierig werden (viele Felsen und Sand, und manchmal rutschig), und das viele bergab in der zweiten Hälfte kann auf die Knie gehen, aber es ist die Mühe auf jeden Fall wert, und die atemberaubenden Aussichten gehen einem noch nach wenn der Muskelkater schon längst wieder weg ist.

Weil wir gerade eine anstrengende Wanderung hinter uns hatten, wollten wir am nächsten Tag etwas ruhigeres machen, also fuhren wir zum Whakapapa Skigebiet und fuhren mit zwei Sesselliften den Mt. Ruapehu hoch, zur Knoll Ridge Hütte in 2020 m Höhe. Obwohl das Wetter ganz gut aussah war der Berggipfel den ganzen Tag in Wolken verhüllt, was dem Ganzen eine eher unheimliche Atmosphäre verlieh. Wir hatten gelesen daß es von der Hütte aus einen kleinen Spazierweg gab, und wir beschlossen, diesem zu folgen. Der kleine Spaziergang entpuppte sich als Kletterpartie, teilweise durch Firn, teilweise über Felsen, hoch zum Grat (Skyline Ridge) in 2300 m Höhe. In mehreren Abschnitten waren wir buchstäblich mitten in den Wolken, und oft konnte man den Pfad nur anhand der ab und zu platzierten Markierungspfähle erkennen. Die Aussicht vom Grad war trotz Wolken fantastisch, aber der größte Spaß war der Rückweg: Wir schlitterten einfach den Berg hinunter, durch Schnee und Sand, und das bei einem ganz schönen Tempo. In etwa einem Viertel der Zeit, die wir für den Aufstieg gebraucht hatten, waren wir wieder unten. Yippie!

Tongariro Nationalpark, Blue LakeTongariro Nationalpark, SmaradgseenTongariro Nationalpark, Aufstieg zum Roten KraterMt.Ruapehu, Skyline WalkWhanganui RiverBrücke nach Nirgendwo

Panta Rei

Und dann waren wir unterwegs zum Whanganui River. Wir hatten eine dreitägige Kanutour mit Blazing Paddles gebucht. Die Veranstalter stellten die gesamte Ausrüstung zur Verfügung—Kanu, Paddel, Schwimmwesten, Plastikkanister, Landkarten usw.—, organisierten den Transport zum und vom Fluß, und erklärten uns außerdem wie man den Fluß deutet, wie man am besten durch Stromschnellen kommt und so weiter. Alle waren sehr freundlich und professionell, und ich würde sie auf jeden Fall weiterempfehlen.

Achtung, Kiwis

Unsere Tour begann in Whakahoro, etwa eine Stunde Fahrtzeit von Blazing Paddles’ Standort entfernt. Ein Großteil der Strecke war Schotterweg, so daß es ziemlich langsam voranging. Weil ich ausnahmsweise einmal nicht selber fahren mußte, konnte ich mich zurücklehnen und die Landschaft genießen. Es war fast schon zu viel “Neuseeland Pur”. Wir fuhren durch sanft geschwungene grüne Hügel, gesprenkelt mit Schafen und Holzzäunen, unter einem klarblauen Himmel mit einzelnen Wattewolken. Ab und zu ging es durch Wäldchen oder über kleine hölzerne Brücken, und einmal mußten wir anhalten weil eine Schafherde die Straße blockierte. Wir sahen Ziegen, Hasen, Elstern, Gänse, und sogar einen Fasan. Selbst Werbespots für Frühstücksprodukte tragen nicht so dick auf…

Wir hatten bereits unsere Ausrüstung in die wasserdichten Plastikkanister verstaut so daß wir, als wir am Zielort waren, nur die Kanister ins Kanu laden mußten und natürlich gut festbinden, falls wir kentern sollten. Wie schnell das passieren kann wurde uns bereits nach wenigen Minuten auf dem Fluß klar. “Es gibt am Beginn jeden Tages ein paar einfache Stromschnellen an denen Sie Ihr Selbstbewußtsein stärken können”, hieß es in der Broschüre unter der Überschrift “Und was ist wenn ich keinerlei Erfahrung mit Kanus habe?”. Das stimmte auch. “Das bedeutet jedoch nicht, daß sie vor dem Kentern sicher sind, wenn sie keine Ahnung haben was Sie da machen”, stand da zwar nicht dabei, aber das fanden wir auch so schnell heraus. Es gibt nur einige wenige kategorisierte Stromschnellen auf dieser Strecke, und man erreicht sie erst am letzten Tag. Trotzdem muß man auch kleinere Stromschnellen richtig angehen, um zu vermeiden daß man quergestellt wird oder möglicherweise sogar umkippt.

Whanganui River Journey

Zum Glück sind es nur einige wenige Grundregeln, die man beachten muß: Wenn man ein \/ auf dem Fluß sieht, bedeutet das daß unter Wasser ein Hindernis ist, meistens ein Felsen oder Baumstamm, und man sollte sich davon fernhalten. Das umgedrehte /\ andererseits zeigt den tiefsten Kanal an und damit den sichersten Weg. Was Stromschnellen anbelangt, ist es das beste, direkt in sie hineinzusteuern und mit der Strömung mitzugehen. Man hält Ausschau nach dem /\ und fängt an zu paddeln, wenn möglich etwas schneller als die Stromschnelle selbst, während man von ihr mitgetragen wird. Viele Stromschnellen sind stark gekurvt und gehen direkt auf einen Uferfelsen zu, aber es ist wichtig die Grundregel zu beachten und mit der Stromschnelle zu fließen anstatt zu versuchen, sie zu umgehen. Schließlich gibt es auch ein paar kommerzielle Motorboote auf dem Fluß. Wenn man eines kommen hört, ist es am besten, in die Nähe des Ufers zu steuern und das Kanu querzustellen. Motorboote verursachen starke Wellen, vor allem im Nachstrom, und oft dauern diese ewig an, weil sie einfach zwischen den Uferfelsen hin- und herprallen. Am besten nimmt man diese Wellen, die senkrecht zum Fluß rollen, wie mit einem Surfboard, bis sie schließlich nachlassen. Sobald wir diese Regeln verinnerlicht hatten machte es Riesenspaß, durch die Stromschnellen zu düsen, und obwohl wir ein paarmal mächtig naß wurden sind wir nicht einmal gekentert.

Die gesamte Dreitagestour von Whakahoro nach Pipiriki ist knapp 90 km lang, oder durchschnittlich sieben Stunden Paddeln pro Tag; anfangs etwas länger, am Ende etwas kürzer. Der Fluß war sehr niedrig und an manchen Stellen sogar fast seicht, und er hatte eine ganz schwache Strömung, so daß wir ganz schön arbeiten mußten um voranzukommen. Wieder einmal war es Kiwi-voll, in anderen Worten, wir hatten die meiste Zeit den Fluß ganz für uns alleine. Es war unbeschreiblich wie ruhig und friedlich es war, den Fluß entlangzugleiten. Die meiste Zeit besteht das Ufer an beiden Seiten aus steilen Felswänden, üppig grün mit Farnbäumen, Moos, Rinnsalen und Wasserfällen überall. Manchmal passiert man eine Höhle oder einen Nebenfluß, aber abgesehen davon sind es nur die Zeltplätze alle paar Stunden die ein klein wenig hervorstechen. Noch nie habe ich solch sattes Grün gesehen, und der Eindruck wurde noch verstärkt durch die Spiegelungen des Ufers im glasklaren Wasser. Meistens waren die einzigen Laute, abgesehen von unseren eigenen Paddeln, Vogelsang und ab und zu das Meckern einer wilden Ziege (und nachts, der Schrei des Kiwi). Nach einer Weile fing ich an, seltsame Gesichter in den Felsen zu sehen und Treibholz für Totenschädel zu halten, und die üppige Dschungelkulisse erzeugt ein Atmosphärengemisch aus Indiana Jones, Apocalypse Now, und Pippi Langstrumpf. Wir hatten jedenfalls ein paar wunderbare Tage—die perfekte Mischung aus Beschaulichkeit in der Natur und aufregender Aktivität.

Entscheidung erfolgreich

Als wir von unserer Tour nach Hause kamen, ging ich online um nach dem Status unserer Einwanderung zu schauen—mehr aus Gewohnheit als weil ich wirklich etwas neues erwartete, schließlich war es ja gerade erst eine Woche her daß wir unseren EOI eingereicht hatten und aus dem Pool ausgewählt worden waren. Nach dem was ich von anderen gehört hatte, war die typische Wartezeit vom Zeitpunkt an dem man ausgewählt ist bis zur Einladung zur Bewerbung (ITA) 3-4 Monate. Man stelle sich also unsere Überraschung vor, als wir uns einloggten und sahen, daß unser Status sich in Erfolgreich (“Decision Successful”) gewandelt hatte. Das heißt daß wir nun den eigentlichen Einwanderungsantrag einreichen können. Am nächsten Tag bekamen wir ein Email von unserem Berater, der selbst im Urlaub gewesen war, in dem er fragte ob wir dazugekommen seien, den EOI einzureichen. So konnten wir stolzerweise antworten daß wir bereits einen Schritt weiter sind… Die Unterlagen sollten in den nächsten Tagen mit der Post eintreffen, und dann heißt es den letzten Antrag ausfüllen und alle Unterlagen zusammentragen. Das sollte nicht allzu lange dauern, das alles zusammenzustellen—wir sind jetzt auf jeden Fall in der Zielgeraden. Was für eine gute Art, den Monat zu beenden.

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